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Von der Windmühle sind es nur mehr fünf Minuten bis zum Meer. Rechts im Vordergrund die Maschinen- und Veranstaltungshalle.  © R. Steidl

KÜHLE VERSUCHUNG AUS DEM NORDEN

Schweden – Europas coolste Weinregion?

Ein Artikel von Prof. HR DI Robert Steidl | 12.10.2026 - 17:26

Kann in Schweden überhaupt Wein wachsen? Die ersten Weingärten wurden in den frühen
1990er Jahren ausgepflanzt, was vorher verboten war. Im Jahre 1999 wurde Schweden als weinbautreibendes Land von der EU anerkannt. Mittlerweile wird auf über 230 ha Wein von über 200 Produzenten angebaut, 50 davon sind kommerziell ausgerichtete Weingüter. Die Erntemenge liegt derzeit bei 315 Tonnen. Der Schwedische Weinbauverband hat 400 Mitglieder. Insgesamt stehen derzeit in Schweden gut 800.000 Rebstöcke, wobei die Anzahl in den Betrieben von 600 bis 150.00 Stöcken reicht. Die Tendenz ist steigend, so hat beispielsweise für ein neues Weingut der Investor im Jahr 2022 gleich 80.000 Reben gesetzt.

Auch wenn der „Hohe Norden“ für die Traubenreife herausfordernd ist, so haben die Anbauregionen 20% mehr Sonnenscheindauer als Bordeaux während der Vegetationsphase, was der Photosynthese zugutekommt. Auch ist die Meeresnähe für die Vermeidung von Extremtemperaturen und Frühjahrsfrösten von Vorteil. Die Sommer sind vergleichsweise lang, sodass die Trauben gut bis in den Oktober hängen können. Ansonsten hat man mit den gleichen Herausforderungen des Wetters wie bei uns – Trockenheit, Starkregen, Sturm und Hagel – zu rechnen.  

Welche Sorten werden angebaut?

Insgesamt stehen etwa 50 verschiedene Sorten in den Weingärten. Das kühle Klima führt zu einem hohen Anteil an PIWI-Reben, auch wenn sich klassische Sorten wie z.B. Chardonnay oder Pinot Noir ebenso finden. Solaris ist die dominante Hauptsorte mit einem Anteil von 77%. Muscaris und Souvignier gris werden gerne angebaut. Auch die größte zusammenhängende Pflanzung von Donauriesling findet man in Schweden. Na ja, es ist 1ha. Bei den Roten gibt es von Pinot Noir, Frühburgunder bis Rondo, Cabernet Cortis und Pinot nova eine weite Bandbreite.

Wo wird angebaut?

Wenig überraschend liegt der Schwerpunkt des Weinanbaus in Südschweden. Von den derzeit 50 kommerziell tätigen Betrieben befinden sich 24 in der südwestlichsten Provinz Schonen (Skane). Auf den Schweden östlich vorgelagerten Inseln Öland und Gotland sind je zwei Betriebe angesiedelt, aber auch weiter nordwestlich in Södermanland und Jönköpingslän – bis knapp vor Stockholm – sind an die zehn teils sehr renommierten Betriebe situiert.

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Das Weingut Kullabergs Vingård: Die eigene Lesemaschine fährt in die Maschinenhalle, rechts davon das Presshaus

Wie wird vermarktet?

Bis Mitte 2025 durfte grundsätzlich nur an das Monopol – Systembolaget – geliefert werden. Dieses verfügt über 1.400 Geschäfte in ganz Schweden. Entweder kann man im lokalen Geschäft vertreten sein, oder man schafft es in die jeweilige größere Einkaufs-Ausschreibung des Monopols, dann ist der Wein in vielen Niederlassungen erhältlich. Ansonsten konnte man nur direkt exportieren oder an Restaurants verkaufen. Das ist mit ein Grund, dass manche Weingüter selbst ein Restaurant haben, in dem sie durchaus ein Drittel ihres Weines absetzen.

Mit heutigem Stand sieht die Vermarktungslandschaft aber so aus:

  • 70 % der Weingüter beliefern Restaurants direkt oder über den Großhandel.
  • 62 % bieten Direktvertrieb an (siehe später).
  • Etwas mehr als die Hälfte (54 %) beliefert System­bolaget.
  • Knapp die Hälfte (46 %) betreibt ein eigenes Restaurant oder einen Gastronomiebetrieb.
  • Größere Weingüter (über 16.300 Rebstöcke) vertreiben ihre Weine hauptsächlich über Systembolaget und Direktvertrieb.
  • Kleinere Weingüter (unter 16.300 Rebstöcken) vertreiben ihre Weine hauptsächlich über Restaurants und Direktvertrieb.

Nach jahrzehntelangen Bemühungen ist nun seit Juni 2025 endlich der Ab-Hof-Verkauf unter bestimmten Auflagen erlaubt: Vorerst muss eine Aufklärung über die Gefahren des Alkoholkonsums erfolgen. Neuerdings muss diese nicht mehr ausschließlich mündlich gemacht werden, sondern es kann seit 1. Juni 2026 auch ein Infoblatt ausgefolgt werden. Dann ist eine (kostenpflichtige) „sachkundige Fortbildungsveranstaltung“ vonnöten – z.B. Weingartenführung oder kommentierte Verkostung –, außerdem gilt ein Mindestalter von 20 Jahren. Danach dürfen die Besucher maximal 3 Liter Wein, 0,7 Liter Spirituosen, 3 Liter Starkbier und 3 Liter andere fermentierte alkoholische Getränke kaufen.

Diese Regelung bedeutete einen Durchbruch für die ca. 600 landwirtschaftliche Betriebe, die nun eine zusätzliche Vermarktungsmöglichkeit haben, die nicht nur in der Urlaubszeit gut angenommen wird.

Etwa 62 % der Weinbetriebe bieten nun den Direktverkauf ab Hof an, was mit 65.000 Litern ca. 45 % des Gesamtabsatzes ausmacht. Verglichen mit dem gesamten Weinabsatz von Systembolaget (ca. 200.000.000 Liter) sind das aber gerade mal 0,03%.

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Orangerie für Weinbar und Veranstaltungen – dahinter „Big Field“ mit 7 Hektar PIWI, am Ende steht der Donauriesling © R. Steidl

Die wichtigste Frage: Wie schmeckt der schwedische Wein?

Vor zehn Jahren wäre die Antwort eher ambivalent ausgefallen, da auch die Schweden selbst keinen heimischen Wein trinken wollten – aus guten Gründen. Mittlerweile haben sich das Know-how und damit die Qualität deutlich verbessert. Dazu zwei Beispiele:

Beim mittlerweile berühmten „The Swedish Wine Tasting“ im Jahre 2024 wurden von 18 international hochranging qualifizierten Verkostern 12 schwedische Weine gegen 12 aus dem „Rest der Welt“ – Frankreich, Italien, Deutschland … – bewertet. Als Sieger hat sich ein schwedischer Wein vor einem französischen Mersault in Szene gesetzt.

Bei der Nobelpreisverleihung gibt es traditionell am Abend im Stockholmer Rathaus ein Dinner für 1.300 Gäste. Erstmalig in der Geschichte wurde dieses Jahr – nach Champagner zur Vorspeise – zum Hauptgang ein schwedischer Wein gereicht! Nebstbei: Zum Dessert gab es eine Beerenauslese von Kracher.

Die Entwicklung am Beispiel von Kullabergs Vingård

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Das Presshaus von Kullabergs Vingård während der Verarbeitungskampagne 2025 © R. Steidl

Warum gerade das Weingut Kullabergs Vingård als Beispiel? Das ist schnell erklärt. Der bis zum vergangenen Jahr dort tätige schwedische Önologe ist Absolvent der HBLA und BA Klosterneuburg und war damit Schüler des Autors, woraus sich ein fachliches und freundschaftliches Naheverhältnis entwickelt hat.

Die Entwicklung des Weinguts

Der jetzige Besitzer hat den Betrieb mit ca. 3,5 ha Rebfläche in mäßigem Zustand im Jahre 2016 übernommen, und zwar mit dem Ziel der strikten fachlichen Qualitätsorientierung und Nachhaltigkeit. Dies scheint auch bis dato gelungen, stammen doch der oben angeführte Siegerwein und der Wein für das Nobelpreisdinner von Kullabergs Vingård: Es ist dies die Cuvée „Immelen“, das Flaggschiff des Weinguts. Ein toller Erfolg!

Ein Versuchsfeld mit 20 verschiedenen Sorten wurde 2017 angelegt, um ihre Eignung zu testen, und die erste große Rebfläche mit 7 ha gepflanzt. Mittlerweile ist die Rebfläche auf über 28 ha angewachsen, gerade werden wieder 4 ha ausgesetzt. Angepflanzt sind ausschließlich PIWI-Sorten, und mit einer nachhaltigen Bewirtschaftung wird auch dem schwedischen Umweltgedanken deutlich Rechnung getragen. Der schon oben erwähnte 1 ha Donauriesling findet sich hier ebenso wie die Klosterneuburger Züchtung Pinot nova. Ansonsten gibt es natürlich Solaris, Souvignier gris, Muscaris, Cabernet Cortis etc.

Wer arbeitet im Weingut?

Die Leitungsebene für Betrieb und Keller kommt (natürlich) aus Schweden. Nachdem man im Lande aber Personal für Weingarten und Keller nicht an jeder Ecke findet, ist die Belegschaft sehr international aufgestellt. Der Kellermeister ist Italiener, die Mitarbeiter kamen und kommen aus Schweden, Frankreich, El Salvador, Großbritannien, Australien, Oregon, Chile, Polen – die Umgangssprache ist Englisch. Weiters behilft man sich in der arbeitsintensiven Zeit auch immer mit Praktikanten aus vielen Ländern, die direkt am Weingut untergebracht werden können. Auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler aus Klosterneuburg, Eisenstadt und Silberberg waren schon in Kullaberg zugange. Tipp, wenn ein Praktikumsplatz gesucht wird: Die Website ist www.kullabergs.se. Auch die Englischkenntnisse werden am Ende des Praktikums deutlich besser sein …

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Vogelschutz im Weingarten durch einen effizienten Laserbeamer © R. Steidl

Wie erfolgt die Lese?

Aufgrund der knappen Personalausstattung gab es früher an Wochenenden klassische Lese-Events, an denen 20 bis 40 Personen – vornehmlich Mitglieder des Vereins der Kullabergs Weinfreunde (KVV) – teilnahmen, mit anschließendem Essen und der zugehörigen Bespaßung. Dadurch war natürlich die Wahl des optimalen Lesezeitpunkts wenig flexibel. Heute verfügt das Weingut über eine gezogene Pellenc-Lesemaschine, die es bei herannahenden Unwettern erlaubt, rasch zu reagieren oder eben manche Trauben noch länger zur Reifung hängen zu lassen, auch wenn die – nach wie vor zur Kundenbindung abgehaltenen – Lese-Events schon vorbei sind.

Wie erfolgt die Verarbeitung?

Nachdem in den Anfangsjahren die Vinifizierung mühsam mit einer pneumatischen 500-Liter-Presse in einem sehr beengten Stadel erfolgte, steht nun seit 2022 nach einer großen Investition ein sehenswertes Gebäude in Holzbauweise (feuerfester als Stahlträger) mit Presshaus, Tankhalle, Barriquekeller, Füllhalle, Lager, Maschinenhalle etc. zur Verfügung. Mit den pneumatischen Pressen mit 3.000 und 5.000 Litern ist eine ausreichende Verarbeitungskapazität gegeben. Dank der Tanks mit Kühlung und Heizung ist auch die temperaturkontrollierte Vergärung jeder einzelnen Charge möglich, bis hin zur Weinsteinstabilisierung nach dem Ausbau. Die Füllanlage kann „alles“ füllen, schließlich werden nicht nur Wein, sondern auch prickelnder Cider, Saft und Destillate im Betrieb erzeugt.

Im Gebäudekomplex gibt es im Dachgeschoß auch einen großzügigen Veranstaltungsraum, der für Tagungen oder auch Hochzeiten gemietet werden kann.

Wie wird der Wein verkauft?

Dank der guten Qualität wird ein erheblicher Teil vom Monopolbetrieb Systembolaget abgenommen und vertrieben. Exportiert wird bis Japan – sogar mit eigenen Künstleretiketten.

Neben Restaurantbelieferung gibt es am Weingut selbst eine Weinbar mit Restaurantbetrieb in den Sommermonaten von Mai bis September. Kleine feine Gerichte und Weine können dabei auch in der Orangerie und dem schönen Garten genossen werden. Auch der Ab-Hof-Verkauf entwickelt sich dank der Adaptierung passender Verkaufsräumlichkeiten zufriedenstellend.

Spezielle Events mit Köchen oder zu Weinthemen werden gut angenommen. Gerade waren mit der „Star Wine List“ 150 Sommeliers aus der ganzen Welt zur jährlichen Prämierung zu Gast, mit „Terra Skåne“ gibt es auch eine Organisation zur Bewerbung der regionalen Produkte.

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Auch das Abwasser wird im Weingut Kullabergs Vingård selbst aufbereitet © R. Steidl

Also: Auf nach Schweden?

Dass in Schweden nicht nur Wein überhaupt entstehen kann, sondern auch in herausragender Qualität, ist nun mittlerweile bewiesen. Dass man in diesem „Neuland“ von (k)einer Kellereiinspektion und anderen Regularien (noch) nicht so „gepiesackt“ wird wie bei uns, ist nicht schlecht, auch wenn man den EU-Gesetzen natürlich genauso unterliegt wie hierzulande. Die große Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit, denn auch wenn die Flaschenpreise zwischen ca. 15 und 50 Euro liegen, so ist im Hochpreisland Schweden das Lohnniveau hoch und aufgrund der nördlichen Lage der Hektarertrag niedriger als bei uns gewohnt. Neben vielen schlauen Vermarktungsstrategien liegen daher die großen Anstrengungen im Weingarten, um ein zufriedenstellendes Return on Investment zu bekommen, und um den alten Witz zu widerlegen: Wie kann man mit Wein zu einem kleinen Vermögen kommen? Wenn man vorher ein großes gehabt hat.
Skål!

Der Autor 

Prof. HR DI Robert Steidl, ehemaliger Institutsleiter Weinbau, Abteilung Kellerwirtschaft, HBLA u. BA Klosterneuburg
0664/454 42 57, robertsteidl977@gmail.com