Ein rund 2.000 Jahre alter Traubenkern aus der Toskana weist Ähnlichkeiten mit der historischen Sorte Blauer Kölner bzw. Scheibkern auf. © Wikimedia Commons / Rude
An der Fundstelle von Cetamura del Chianti (Siena, Toskana) wurden 80 gut erhaltene wassergesättigte Traubenkerne aus zwei Brunnen geborgen. Die zwischen ca. 300 v. Chr. und ca. 1200 n. Chr. datierten Kerne boten einen genaueren Einblick in den etruskischen und römischen Weinbau. Sowohl genomweite DNA-Daten als auch geometrisch-morphometrische Analysen zeigten, dass die meisten Samen von kultivierten Reben stammten, die mit der Weinherstellung in Verbindung standen. Die letztere Analyse deutete allerdings an, dass einige Samen mit wenig DNA von wilden Reben stammen könnten.
Nur einer der Cetamura-Rebkerne aus der Zeit von 162 v. Chr. bis 17 n. Chr. konnte einer heutigen Sorte konkret zugeordnet werden: Er weist Ähnlichkeiten mit der modernen ungarischen Sorte ‚Baratcsuha szurke‘ auf. In der VIVC-Datenbank ist sie als somatische Mutation der österreichischen Sorte "Kölner Blau" oder "Blauer Kölner" eingetragen. Die Sorte war in Niederösterreich unter dem Namen Scheibkern verbreitet und wurde oftmals als Hauswandrebe erzogen. Der älteste dokumentierte Rebstock der Welt – die Stara trta aus Marburg in Slowenien – entspricht ebenfalls dieser Rebsorte. Scheibkern bzw. Blauer Kölner steht heute noch in der Sortensammlung der HBLA Klosterneuburg sowie in einigen anderen privaten Sammlungen Niederösterreichs.
Blauer Kölner und die blaue Sorte Gänsfüsser, die Großelternsorte von Blaufränkisch und Blauer Portugierer, gelten als starkwüchsig und eigneten sich daher besonders für Hauswandreben. Eine wissenschaftliche Arbeit hat nun die Herkunft und Abstammung der beiden Sorten aus dem südlichen Wiener Raum bestätigt (Regner F, Mann B.: About the origin of the grapevine cultivar Blaufränkisch. Horticult Int. J. 2025).
Innerhalb der Brunnenkernfunde der Toskana zeigten genetische Daten und Radiokarbondatierungen eine Kontinuität von der etruskischen bis zur römischen Zeit, wobei über ein Viertel der Samen zu einer klonalen Sorte gehörten, die über Jahrhunderte erhalten wurde. Außerdem deuten genetische Marker in Verbindung mit dem Anthocyanin-Gehalt darauf hin, dass die dominante klonale Sorte wahrscheinlich weiße Beeren produzierte. Roter Wein war in Cetamura jedoch vermutlich nicht unbekannt: zwei andere analysierte Kerne stimmten mit einem dunklen Beeren-Phänotyp überein.
Hier geht es zur wissenschaftlichen Arbeit: Grapevine cultivation at Cetamura del Chianti: multiproxy evidence for centuries of continuity from the Etruscans to the Romans