FORSCHUNGS-TAGUNG KLOSTERNEUBURG

Strategien für einen zukunftsfitten Weinbau

Ein Artikel von DI Walter Kaltzin | 08.01.2026 - 14:12

Zur Tagung am 9. Dezember im großer Kellerwirtschaftssaal der HBLA Klosterneuburg trafen sich rund drei Dutzend interessierter Forscher und Winzer. Dr. Andreas Harm, Winzer und Weinbauberater, begrüßte die Gäste in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter des EU-Projekts Vinny – Living Lab. In seinem Eröffnungsstatement stellte er den Weinbau als einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Sektoren in der Europäischen Union dar, allerdings stehe er aufgrund des Klimawandels, der sich negativ auf die Traubenproduktion, den Ertrag und die Qualität auswirkt, vor großen Herausforderungen. Neben den nicht vorhandenen Resistenzen der europäischen Rebe gegen die Pilzkrankheiten Peronospora, Oidium, Botrytis und Schwarzfäule, gebe es akut neue Herausforderungen: die Amerikanische Rebzikade als Überträger der Flavescence Dorée (Goldgelbe Vergilbung) sowie die Kirschessigfliege und Esca.

Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingen erhöhen den Druck, Lösungen zur Eindämmung des umfangreichen Einsatzes von Agrochemikalien wie Pflanzenschutzmitteln zu entwickeln. „Ein Muss auf ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene“, so Vinny-Projektleiterin Dr. Monika Riedle-Bauer in ihren Eröffnungsworten. Das von der EU geförderte Projekt Vinny bringe daher 19 Partner aus 10 Ländern zusammen, um nachhaltige Lösungen für den Weinbausektor zu entwickeln. Bedenkt man, dass die Entwicklung eines herkömmlichen Pflanzenschutzmittels langjährig (10 bis 15 Jahre) und aufwändig (250 bis 300 Mio. €) ist, müsse dringend nach Alternativen im Pflanzenschutz gesucht werden. Mit neuartiger Nanoverkapselung von biobasierten Pestiziden und Düngemitteln soll auf nachhaltige Weise entgegengesteuert werden.

  • Riedle-Bauer gab einen Überblick zu den Aufgaben der Klosterneuburger Mitarbeiter im Projekt Vinny:
  • Bioaktive Wirkstoffe aus der Rebe zu gewinnen und
  • Gewinnung und Formulierung von Bio-Düngern (organische Dünger)
  • Nanoverkapselung von bioaktiven Wirkstoffen und Düngemitteln (auch in Agrotextilien)
  • Glashaus- und Freilandversuche zur Wirkung von formulierten Nano-Biopestiziden und -düngern.

Abschließend hob Riedle-Bauer den Willen der EU hervor, die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Ländern zu forcieren und die Praxis einzubinden (= Living Labs).

Welche neuen Wege werden generell im Pflanzenschutz verfolgt, um nachhaltig arbeiten zu können? Andreas Harm führte im Detail an:

  • Einsatz von mikrobiologischen Antagonisten
  • Verwendung von organischen (Pflanzen- und Kompostextrakte, Pflanzenöle) sowie anorganischen (Kaliumhydrogencarbonat) Naturstoffen
  • Induzierte Resistenz (über die Aktivierung der pflanzeneigenen Abwehr)
  • RNAi-Interferenz im Pflanzenschutz
  • neue molekularbiologische Methoden in der Pflanzenzüchtung (CRISPR/Cas).

Unabhängig davon werde aber auch auf anderen Wegen versucht, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel im Rahmen der Präzisions- und Digitalen Landwirtschaft zu reduzieren bzw. zu optimieren.

Über den Stand der Forschung auf der Suche nach biobasierten Pestiziden konnte Harm von ersten Ergebnissen aus Klosterneuburg berichten: Man konnte aus den Gruppen der Hefen, Bakterien und Pilze bislang rund 20 Isolate mit antimikrobieller Wirkung finden. Auch phenolische Extrakte aus dem Rebholz zeigten Wirkung.

Nun gelte es, die positiven Ergebnisse im Freiland zu bestätigen bzw. am Ende, den Wirkstoff in einer Nanoverkapselung verfügbar zu machen.

Kupfer und Kaliumphosphonate

Geht es um die Herausforderungen im Gebiet des Pflanzenschutzes, kommt man am Thema Kupfer und Kaliumphosphonat nicht vorbei. Durch seine chemischen Eigenschaften wird das Kupfer im Boden gebunden und nicht abgebaut, so dass es zur Anreicherung besonders im Weinbau kommt. Christian Eitler, Bio-Weinbauberater der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, zeigte die aktuelle Situation bei der Zulassung von Kupfer und Phosphonaten im biologischen Weinbau auf. Ende 2025 sei die Zulassung von Kupfer bzw. seiner Verbindungen (Sulfate, Hydroxide, Oxychloride etc.) ausgelaufen, in vielen Kulturen gebe es aber keine oder wenige Alternativen. Eine neuerliche Zulassung sei zu erwarten (wieder mit einer Höchstmengenregulierung). Derzeit gelte Kupfer als Substitutionskandidat innerhalb der EU, aufgrund neuer Bewertungskriterien sollte sich das früher oder später aber ändern, so Eitler. Sinnvoll seien Reduzierungsstrategien bzw. bei der Sortenwahl auf Piwis zugreifen. Kupfer-Ersatzprodukte wie Biostimulanzien brächten derzeit keine ausreichenden Bekämpfungserfolge, so Eitler.

Kaliumphosphonate würden einen guten Schutz gegen Peronospora bieten (aktivieren Abwehrkräfte), sind aber durch die Eigenschaft als wirksames Pflanzenschutzmittel aus der „Bioliste“ gefallen. Dahinterliegende Kritikpunkte, die zur ablehnenden Einschätzung einer Expertengruppe führte: Kaliumphosphonat wird künstlich hergestellt bzw. werden eventuelle Rückstände kritisch gesehen. Innerhalb der Länder der EU gibt es stark divergierende Ansichten zur Thematik. Für Biobetriebe sind sie derzeit ein Tabu.

Rebernährung

Der Nachmittag der Veranstaltung war der Rebernährung gewidmet. DI Martin Mehofer, HBLA und BA Klosterneuburg, zeigte Aspekte einer nachhaltigen Ernährung auf.

Ihm folgte Dr. Georg Tondl von der BOKU Wien, Institut für Verfahrens- und Energietechnik. Er forscht an der Optimierung des Pyrolyseprozesses für die nachhaltige Produktion von Biodünger (Ausgangsprodukte aus der Industrie) und Biopestiziden aus Reststoffen im Weinbau. Unter Pyrolyse ist ein thermochemischer Prozess unter Hitze und Sauerstoffausschluss zu verstehen. Diese führt bei Verwendung von Biomasse zu ca. 30% Biokohle, etwa zu einem Drittel zu Pyrolyseöl und der Rest ist sogenanntes Pyrolysegas. Weil Biokohle den Kohlenstoff über viele hunderte Jahre bindet, hilft es CO2-Emissionen zu reduzieren. Gleichzeitig kann sie nach Beaufschlagung mit bestimmten Nährstoffen als Biodünger fungieren. Pyrolyseöl bietet wiederum aufgrund seiner bakteriziden und fungiziden Wirkung die Basis zur Erzeugung von Biopestiziden. Durch Verkapselung muss es allerdings stabilisiert werden – ein noch junges Forschungsfeld, wie Tondl betonte.

Wie die Beaufschlagung von Biokohle mit Reststoffen der Industrie erfolgt, darüber berichtete Mag. Wolfgang Gabauer, BOKU Wien, vom Institut für Umweltbiotechnologie. So müssen etwa Schlachthöfe viel Geld für die Entsorgung von Blut zahlen. Blut beinhaltet aber viel Stickstoff und hat dadurch enormes Düngepotenzial. Aber auch andere organische Reststoffe wie Schafwolle und Abfälle bei der Insektenproduktion stehen am Prüfstand des Institutes in Tulln.

Maßnahmen im Weingarten

Prognosemodelle beim Pflanzenschutz spielen eine zentrale Rolle, um die Einsatzmenge von Pflanzenschutzmittel und Fahrten im Weingarten zu reduzieren. DI Christian Redl, HBLA und BA Klosterneuburg, hat im Projekt „Innovation Farm“ die Stärken und Schwächen der Systeme beleuchtet. Als Ausgangssituation sieht Redl in der Praxis einen weingut- und nicht standortbezogenen Pflanzenschutz vorliegen. Bestehende Wetterstationen würden nur grob die unterschiedlichen kleinklimatischen Bedingungen wiedergeben und oft nicht den fachlichen Anforderungen entsprechen, erklärte Redl. Sein Fazit: Es braucht mehr Wetterstationen, um die mikroklimatischen Verhältnisse besser zu berücksichtigen. Das Peronospora-Modell zeigte in den Versuchen gut die Infektionen an, während es bei Oidium eine geringere Vorhersagegenauigkeit gab. Prognosemodelle brächten aber auf jeden Fall eine Hilfestellung.

Ebenfalls im Projekt Innovation Farm laufen Untersuchung von Sebstian Hedinger, HBLA und BA Klosterneuburg. Er widmete sich der praktischen Anwendung von Drohnen und Roboter im Weinbau. Auch wenn Drohnen für die Applikation von Pflanzenschutzmittel noch nicht zugelassen sind, stehen sie am Prüfstand, damit die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz geschaffen werden können. Hedinger führte die Ziele beim Einsatz der Drohnen, vornehmlich in Kleinterrassen, an: Reduktion der Maschinen- und Personalkosten, Verringerung der Bodenverdichtung, Reduktion der CO2-Emissionen und eine Erhöhung der Applikationsqualität. Schon seit Jahren werden Drohnen für die Kartierung sowie zur Rettung von Wildtieren erfolgreich eingesetzt.

Beim Roboter-Projekt kommt ein französisches Gerät namens Vitibot (Bakus L) zum Einsatz. Die Anschaffungskosten liegen bei rund 220.000 €, weitere Daten: 75 kWh-Akku, 48 kW Leistung, max. Geschwindigkeit 6km/h. Getestet wird in einem großen Weingarten vom Stift Klosterneuburg in Tattendorf. Dieser ist eingezäunt – die rechtliche Voraussetzung für den Einsatz derzeit. Erste Erkenntnisse: Die Laufzeit sei überraschend gut und alle mechanischen Anbaugeräte funktionierten bislang zufriedenstellend. In den Jahren 2026 und 2027 werde der Einsatz des Rebvorschneiders und das Spritzsystem getestet. Aus wirtschaftlicher Sicht rechne sich die Investition, betonte Hedinger. Problematisch sei die geringe Höhe des Roboters, aufgrund seiner Überkopf-Struktur, die für französische Verhältnisse entwickelt wurde.

Maßnahmen im Keller

Abschließend widmete sich DI Michael Doberer, HBLA und BA Klosterneuburg, dem Potenzial der Digitalisierung beim Pressen in der Traubenverarbeitung anhand einer smarten Weinpresse der Firma Wottle. Einer der Vorteile sei, dass die Presse von der Ferne gewartet werden kann (Stichwort Screen Mirroring). Über die Messung des pH-Wertes sei auch eine Fraktionierung der Mostchargen möglich. Es konnte zudem gezeigt werden, dass sich eine unterschiedliche Traubenverarbeitung im pH-Wert niederschlägt.

EU-Projekt Vinny

Neuartige Nanoverkapselung von biobasierten Pestiziden und Düngemitteln für einen zirkulären und nachhaltigen Weinanbau.

Das mit 7,8 Mio. € dotierte europäische Projekt und einer Laufzeit von 2024–2028 soll die Nanotechnologie nutzen, um den Einsatz von Chemikalien im Weinbau um 50 % zu reduzieren. Im Sinne des nachhaltigen Weinbaus sollen umweltfreundliche Nanopestizide und Nanobiodünger mit Hilfe von Nanoverkapselungstechnologien entwickelt werden, um Schädlinge im Weinbau zu bekämpfen und die Produktion zu verbessern.

Die Wein & Obst Klosterneuburg RTD, eine teilrechtsfähige Forschungseinrichtung der HBLA und des BA für Wein- und Obstbau Klosterneuburg, ist ein Partner in diesem Projekt, das von der Universität Minho, einer der größten Hochschuleinrichtungen Portugals, koordiniert wird. Als Projektleiterin an der W&O RTD fungiert Dr. Monika Riedle-Bauer. 

Biostimulierende bioaktive Wirkstoffe, die als Biopestizide verwendet werden sollen, werden aus „grünen Quellen“ extrahiert, d. h. aus Trauben, Weinreben (Stängel und Blätter) sowie Rebschnittrückständen und/oder aus dem Mikrobiom von Trauben gewonnen.

Vinny soll ein „Europäisches Weinbaunetz“ schaffen und nachhaltige Weinbaupraktiken fördern, indem es sich an Landwirte, lokale Behörden, die wissenschaftliche Gemeinschaft und andere relevante Sektoren wendet, um das Know-how in der Praxis zu verbreiten.

Die Ziele von Vinny stehen im Einklang mit den beiden Missionen der EU „A Soil Deal for Europe“ und „Restore our Ocean and Waters“, die darauf abzielen, die Böden gesund zu erhalten und ein effektives Wassermanagement zu fördern.